SAVOIR FAIRE #01/2017

SAVOIR VIVRE 45 EIN «DAY OFF» DER SPEZIELLEN ART 24 Stunden ohne Verpflichtun- gen: Daniel Wirth, Redaktions- leiter beim St.Galler Tagblatt und Chef von 20 Mitarbeitenden, hat sich ein solches Schlupf- loch gegönnt und ist spontan nach Valencia gereist. Flexible Arbeitsmodelle machen Stube und Café zum Büro. Das erhöht zwar die individuelle Freiheit, macht aber auch das Abschal- ten schwieriger. Eines stellt Daniel Wirth zu Beginn klar. «Meine Ar- beitsbelastung ist beträchtlich, ich bin gefordert, aber nicht überfordert.» Die Mini-Auszeit, die sich der drei- fache Familienvater spontan verordnet hat, sei absolut keine Flucht gewesen. Er liebe seinen Job als Redakti- onsleiter. Von «Notsituation» könne keine Rede sein. Vielmehr spornte ihn pure Neugierde an, die Lust auf ein tolles Erlebnis, sich via SMS-Nachricht eines Mor- gens auf einen spontanen Abstecher «à la surprise» lot- sen zu lassen. «Du verreist nach Valencia. Dein Zug fährt um 9.11 Uhr in St.Gallen ab», so die Message, die sein iPhone um 8.15 Uhr erreichte. Schnell das Nötigste in die Tasche packen, kurz ins Büro und die via E-Mail eingetroffenen Reiseunter- lagen ausdrucken. Dann schnurstracks zum Bahnhof. «Wohin gehst Du?», fragen ihn die Arbeitskollegen noch. «Nach Valencia, bin morgen zurück!» Fantastisch! Einen Hauch von echter Freiheit. Auf der Fahrt mit dem Intercity entschuldigt er sich noch höflich von ei- nem Termin am selben Tag, mit der Bitte umNachsicht. Dann steigt er am Flughafen in die Maschine und at- met erst einmal kräftig durch. «24 Stunden ganz für mich allein in Valencia, einer Stadt, die ich noch nicht kannte. Ein wunderbares Gefühl.» Wiedergewonnene Musse. Stundenlang schlen- dert Daniel Wirth durch die Altstadt, schaut sich die üppige Markthalle und unzählige Kirchen an, von de- nen es in Valencia nur so wimmelt. Das bewussteWahr- nehmen und Einatmen von Zeit und Raum, ohne Verpflichtungen und Termindruck, ist für Wirth Regeneration pur. Sich auf die Parkbank setzen, den Menschen zuschauen und dabei zu wissen, dass sich zu Hause sowohl seine Liebsten als auch seine Arbeits- kollegen mit ihm freuen. Beim Spazieren am kilome- terlangen Strand Valencias, vol- ler Bewunderung für die Bauten von Santiago Calatrava, spürt Daniel Wirth das lange nicht mehr erlebte Gefühl der Einsamkeit. Die Sehnsucht nach seiner Frau, nach den Gesprächen mit ihr. Auch dieser Anflug von Sehnsucht ist ein Teil des lehrreichen Erlebnisses, sich voll und ganz mit sich selbst zu beschäftigen. «Ich machte mir auf diesem Trip unendlich viele Gedanken über meine Zukunft und wie ich sie gestalten könnte. Der kurze Ausbruch aus dem Alltag war ein Erfolg auf der ganzen Linie.» Zu verdanken hat Daniel Wirth dieses Erlebnis dem Absender der ominösen SMS-Message mit dem Instant-Reiseplan. Dahinter steckt der nicht ganz all- tägliche Reiseanbieter Bbacksoon.com mit Sitz im ap- penzellischen Teufen. «Bei uns bucht man keine Desti- nation, sondern folgt einfach seiner Sehnsucht», um- schreibt die stellvertretende Geschäftsführerin Karin Märki das Konzept. Zielpublikum sind neben Privatper- sonen, die eine Spontanreise unternehmen möchten, in erster Linie Unternehmer, Manager oder andere Be- rufsleute, die sich im berühmten Hamsterrad drehen. Volle Agenda, wenig Zeit für spontane Aktivitäten, häufig gestresst. Bei Bbacksoon.com können diese Leu- te ein Profil für ihre gewünschte Auszeit anlegen. «Man wählt das Zielgebiet, seine Sehnsucht, bestimmt wie man anreisen will, gibt die Anzahl Nächte und sein Budget an. Wohin die Reise geht und wo man übernachten wird, bleibt bis kurz vor dem Start eine Überraschung», erklärt Karin Märki. (rw) bbacksoon.com

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